29,95 EUR

Sprache:deutsch
Auflage:1
Ausstattung:130 s/w Illustrationen
Medium:Buch
Einbandart:Hardcover (Leinen fadengeh. m. Schutzumschlag)
Seitenzahl:432
Format:22 x 29 cm
Gewicht:1929 g
Lieferbarkeit:Vergriffen
Erscheinungstermin:31.08.1999
ISBN:978-3-7954-1238-8
Verlag:Schnell & Steiner

Michael Schmidt

Reverentia und Magnificentia

Historizität in der Architektur Süddeutschlands, Österreichs und Böhmens vom 14. bis 17. Jahrhundert

Zu allen Zeiten versuchte man, durch den Rückgriff auf bereits historische Bauformen, die als bewusste Pendants im stilistischen "Wettstreit" mit der vorherrschenden zeitgenössischen Architektur standen, den eigenen Standort in der Geschichte zu bestimmen. Dieser Rekurs auf längst vergangene Stilformen ist kein Phänomen des 19. Jh., wie es häufig unter dem Begriff des "Historismus" suggeriert wird, sondern begegnet in der abendländischen Kunstgeschichte schon wesentlich früher.


Der ständige Rückgriff auf vergangene Stilformen gilt in der Kunstgeschichte sogar als - ein zweites Hauptthema - (Wolfgang Götz) neben den kanonisierten Epochengattungen. Trotz zahlreicher Einzeluntersuchungen zum Phänomen des Retrospektiven bzw. der Historismen in der Kunstgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit harrte das Thema - vor allem in der Architektur - bisher einer umfassenden Bearbeitung.

Im Unterschied zur bisherigen Forschungsmeinung, die den Historismus lediglich auf die Epoche des 19. Jh. beschränkt wissen wollte oder ausschließlich der Antikenrezeption eine historisierende Komponente beimaß, zeigt die vorliegende Untersuchung, dass in den meisten Füllen der Bezug zur eigenen, lokalen Geschichtlichkeit (Historizität) die eigentliche Motivation retrospektiven Bauens darstellt. Diese historisch motivierten Rekurse sollten der genealogischen, politischen oder theologischen Legitimation dienen, konnten historisches Bewusstsein dokumentieren oder sogar das Kuriose streifen.

Historisierende Architektur findet sich dezidiert in der Profan- und der Ordensbaukunst (v. a. bei den Kaisern Ludwig der Bayer, Karl IV., Friedrich III. bzw. bei den Bettelorden und Benediktinern), wenngleich aus völlig unterschiedlichen Einzelmotiven. Aus Achtung vor der altehrwürdigen Tradition ("reverentia") und der Geschichtlichkeit des jeweiligen Ortes bemühte man sich, die Tradition in die zeitgenössische Baukunst zu integrieren. Historische Bauformen wurden darüber hinaus dazu benutzt, die aristokratische Herrschertugend ("magnificentia") zu mehren. Anhand dieser beiden - archivalisch belegten - Leitbegriffe kann nicht zuletzt eine Schärfung des Begriffsfeldes "Historismus" und überhaupt des Stilbegriffes erreicht werden.

Somit liefert dieses Buch eine epochenübergreifende sowie geographisch breit angelegte und reich dokumentierte Untersuchung dieses Phänomens. Ihre Ergebnisse stellen viele - auch prominente - Bauten in ein neues Licht und führen vielfach zu Neudatierungen. Das Buch stellt darüber hinaus einen innovativen Beitrag zur kunsthistorischen Methodik dar.


"Auf breiter interdisziplinärer Basis stehend, darf dieses reich illustrierte Kompendium durchaus als Standardwerk der Historismusforschung eingestuft werden." Erbe und Auftrag